Wohnen und arbeiten unter einem Dach

Vergessene Fabrik erwacht zu neuem Leben

In einem verwunschenen Industriebau, Baujahr 1939, erfüllte sich die vierköpfige Bauherrengemeinschaft ihren Traum vom Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. Mit der Maxime, den charmant-spröden Charakter der ehemaligen Produktionshallen so wenig wie möglich zu verändern, vollzieht sich seit 2007 die behutsame Revitalisierung eines ‚architektonischen Kriegskindes‘.
An dem unscheinbaren Gebäude in der Stuttgarter Neckarvorstadt ist man schnell vorbeigelaufen. Ursprünglich diente die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges errichtete Fabrik dem ansässigen Autozulieferer Mahle als Gießerei – entsprechend massiv fiel seinerzeit die statische Konstruktion aus. Über die Jahrzehnte entstand rund herum ein Ensemble an neuen und modernen Betriebsgebäuden: Das Mahle Quartier. Von außen erweckt der langgestreckte Industriebau daher eher den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben. Auf den zweiten Blick entpuppt sich das architektonische Relikt jedoch als Revitalisierungsprojekt, das seiner Zeit sogar einen Schritt voraus ist.

Wohnen, arbeiten und leben

Mit der Idee, stadtnahes Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu verbinden, war Architektin Wallie Heinisch samt Partnern vom Stuttgarter Büro Metaraum schon lange auf der Suche nach einer passenden Immobilie. Heinisch ist Teil einer sechsköpfigen Bauherrengemeinschaft, bestehend aus vier Familien mit je eigenen Büros für Energie- und Unternehmensberatung, Kommunikations- und Grafikdesign sowie Architektur. „Die gängigen Wohnformen in der Stadt erlauben es kaum, intensives und verantwortungsvolles Arbeiten mit einem engagierten Familienleben zu vereinbaren“, erläutert Heinisch. „Wir möchten aber ‚permanent leben‘. Das heißt, auf kurzem Weg einen Wechsel zwischen Arbeit und Entspannung schaffen oder umgekehrt – Freizeitaktivitäten und Zeit mit unseren Kindern in den Arbeitstag integrieren.“ Dafür suchte die Bauherrengemeinschaft eine günstige Immobilie mit ausreichend Platz. Einerseits um die nötigen Wohn- und Büroräume so zu schneidern, wie es in Mietwohnungen nicht möglich ist, andererseits um eine gemeinsame Betreuung für die Kinder von Bauherren und Mitarbeitern zu ermöglichen. Durch seine Hanglage schließt das Objekt städtebaulich an zwei Nutzungsflächen an: Zur Hangseite an ein Wohn- und auf Straßenniveau an das Gewerbegebiet. Entsprechend sollte die neue Aufteilung des Gebäudes aussehen: Leben auf der Anschlussebene ins Wohngebiet, arbeiten zu Fuße des Industriegebiets. Der Startschuss für die Umbauarbeiten fiel 2007.

Zusätzlicher Raumgewinn mit einfachen Mitteln

Der Entwurf von Metaraum sah auf der ca. 4.000m² großen Geschossfläche zwei Büros im Erdgeschoss und vier Wohnateliers in den Obergeschossen vor. Zwei Treppenhäuser flankieren das Gebäude im Westen und Osten. Die vormals zusammenhängenden Geschosshallen wurden einzig durch eine mittige Brandschutzwand und ein eingeschobenes Rückgrat aus Gemeinschaftsbereichen auf jeder Ebene untergliedert – die massive Statik der ehemaligen Gießerei machte es möglich. Für die Büro- und Wohnatelierflächen ergaben sich dadurch Grundflächen von je 360m². Da die Raumhöhe im Erd- und ersten Obergeschoss mit 4,50m zu niedrig für den zweigeschossigen Ausbau war, entschied man sich in den Wohnateliers für den Einbau von Galeriemodulen aus Holz, die den Wohn- und Atelierraum auf ca. 400m² erweitern. Die Gemeinschaftsareale verbinden Bewohner und Mitarbeiter nicht nur in architektonischer Hinsicht, sondern schaffen auf jeder Ebene ein anderes Angebot: Vom Kinderloft über den Fitnessbereich bis zur gemütlichen Lounge, die tagsüber für geschäftliche Meetings, für hausinterne Besprechungen oder nach Feierabend zum geselligen Austausch genutzt wird. Im Untergeschoss dient ein Veranstaltungsbereich mit knapp 400m² ebenfalls den Aktivitäten der Büromitarbeiter, aber auch der Ausrichtung öffentlicher kultureller Veranstaltungen. Eine 400m² große Spannbetondecke im Außenbereich, die nicht nur als Regenschutz, sondern auch als ‚Wanne‘ für die hängenden Gärten dient, flankiert das Gebäude in voller Länge. In Kürze folgt die verbindende Außentreppe – dass noch nicht alles 100% fertig ist und manches improvisiert wirkt, erhöht den Charme des historischen Gebäudes.

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