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Architektur zwischen Mythos und Monstrum

Als die Rostlaube der Freien Universität Berlin 1963 entworfen und zehn Jahre später in den ersten Teilen bezogen wurde, galt der Campus als Ideal modernen Bauens sowie Meilenstein fortschrittlicher Universitätsplanung. Die Architekten Candilis, Josic und Woods, unter späterer Mitarbeit von Schiedhelm, hatten eine flache, zweigeschossige Bebauung entwickelt, die sich netzartig um eine Vielzahl von Innenhöfen gruppiert und über ausgedehnte Fußgängerstraßen erschlossen wird. Bis heute kann sich der Besucher in den bis zu 400m langen Gängen mit ihrem gewellten Fußboden dem eigenwilligen Charme des damaligen Ringens um ‚offene, hierarchiefreie Strukturen‘ und ‚clusterförmige Teppichbebauung‘ kaum entziehen.
Das zwiespältige Bild der Rostlaube und Synonym für gesichtslose Massenunis verstärkte sich, als das Gebäude seine ersten Mängel offenbarte: Seit 1990 musste Vorsorge gegen freiwerdenden Asbest getroffen werden, zunehmende Probleme bereiteten undichte Dächer, absturzgefährdete Unterdecken und verschlissene Hausinstallationen. Sir Norman Foster übernahm 1997 die anstehende Generalsanierung, die mit dem Neubau einer Bibliothek kombiniert wurde.

Bronze nimmt Rostoptik wieder auf

Besonders sensibel stand der Architekt den Fassaden gegenüber, stammten sie doch von Jean Prouvé, einem seiner persönlichen Vorbilder. Prouvé verwendete Corten-Stahl, der durch planmäßige Oberflächenkorrosion eine patinaartige Schutzschicht ausbilden sollte. Der angerostete Anblick, der dem Gebäude seinen Namen gab, war also beabsichtigt. Leider schritt jedoch die Korrosion zu stark fort, sodass ein kompletter Wechsel der Fassaden erforderlich wurde. “Wir ersetzen die korrodierten Segmente und fassen sie in Rahmen aus selbst patinierender Bronze ein, einem Material, das praktisch unverwüstlich ist“, erklärt Foster die Vorgehensweise. “Die neuen Einfassungen bleiben Prouvés ursprünglichen Plänen treu, auch wenn einige Details verändert wurden, um den heutigen Erfordernissen in Bezug auf Technik und Energieerhalt nachzukommen.“

Farbkontrast durch Markisen

Eines dieser Details ist die Funktionserweiterung des Sonnenschutzes durch eine komplett automatisierte Steuerung. Schon vor der Sanierung waren die nach Süden und Westen ausgerichteten Fassaden mit außen liegenden Fallarm-Markisen ausgerüstet, die mit ihren kräftigen Farbtönen in Rot, Blau, Orange und Grün einen Akzent setzten. Die Markisen wurden im Rahmen der Sanierung weitgehend baugleich, jedoch mit elektrischen Antrieben erneuert und an das busgestützte Steuerungssystem animeo IB+ von Somfy angeschlossen. Das System kann die Markisen zeit- und witterungsabhängig mit dem zentralen Steuerprogramm bewegen. Dafür übermitteln Sensoren auf dem Dach der Rostlaube die Temperatur, Windgeschwindigkeit und Sonneneinstrahlung an das Herzstück der Anlage, den Building Controller. Er wird mit einem portablen PC programmiert, kann aber ebenso mit einem stationären Gerät für die ständige Visualisierung und Überwachung kombiniert oder an die systemübergreifende Gebäudeleittechnik angeschlossen sein. Der Building Controller leitet seine Befehle an die Motor Controller weiter, die auch die Befehle der lokalen Tastschalter auswerten und schließlich die Antriebe der in Gruppen geschalteten Markisen ansteuern. Die Markisennachführung in Abhängigkeit von der Witterung ermöglicht die richtige Verschattung eines jeden Raumes. Da die Räume sehr unterschiedliche Nutzungen haben, wurde zusätzlich eine ­Timer-gesteuerte Anwesenheitsvorgabe integriert, wodurch ein hoher Aufenthaltskomfort mit hohen Energiespareffekten verbunden werden kann. Abhängig vom gewählten Steuermodus können die einzelnen Raumnutzer den Sonnenschutz aber auch lokal nach ihren individuellen Wünschen steuern. Am Ende des Tages fährt dieser jedoch wieder in die allgemeine Stellung zurück.

Flexibel und anpassungsfähig

Eine Eigenschaft von animeo IB+ ist die variable und jederzeit erweiterbare Gruppenbildung bei den Markisen oder auch Jalousien und Fenstern. “Derzeit sind auf dem Campus der FU vier Zonen in Betrieb“, erklärt Jürgen Westphal, zuständig für den Vertrieb Steuerungen bei Somfy. “Ein Building Controller kann bis zu acht verschiedene Bereiche mit jeweils eigenständigen Parametern ansteuern, sodass sich die nächsten Zonen mit dem Sanierungsfortschritt in den einzelnen Höfen problemlos nach und nach anschließen lassen.“ Falls später noch weitere Gruppen erforderlich sind, wird das System einfach um einen zweiten Building Controller erweitert. Die Flexibilität der Markisensteuerung folgt damit dem ursprünglichen Leitgedanken bei der Errichtung der Rostlaube. Deren oberstes Prinzip sollte die Veränderbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Baustruktur sein. Das zeigt sich bis heute an den offenen und jederzeit anbaufähigen Gebäudeseiten oder auch an den drei Hauptstraßen im Gebäude: Sie wurden mitten aus dem Alphabet heraus als ‚J‘, ‚K‘ und ‚L‘ bezeichnet, wodurch Anschlussmöglichkeiten in jeder Richtung bestehen.

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